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Dieter Grillmayer

Latein darf nicht zur Disposition stehen

Im November des Vorjahres ließ ÖVP-Bildungssprecher Amon erkennen, dass er einer gänzlichen Abschaffung des verbindlichen Latein-Unterrichts an Gymnasien und Realgymnasien positiv gegenübersteht. Diese Aussage löste auf politischer Ebene gleichermaßen Entrüstung (vorwiegend in seiner eigenen Partei) wie Zustimmung (vor allem auf SPÖ-Seite) aus, sowie eine Fülle von Zeitungskommentaren und Leserbriefen.

Nur wenige dieser Wortmeldungen nahmen auf die Tatsache Bezug, dass der pflichtige Latein-Unterricht in Österreich bereits jetzt daniederliegt, und kaum einer der unbedingten Latein-Befürworter zog aus seinem Standpunkt die logische Konsequenz. Es schien mir daher angebracht, durch eine Presseaussendung auf diese Umstände hinzuweisen und einen Vorschlag öffentlich zu machen, der schon mehrmals Thema interner Diskussionen, zuletzt bei der Hauptversammlung des FÖL im Oktober 2001, war.

Die Presseaussendung im Wortlaut:

Latein zu lernen bedarf einer gewissen Anstrengung, Latein abzuschaffen bedarf keiner. Da genügt es, den Dingen weiterhin ihren Lauf zu lassen. Drei Ursachen haben zu einer Entwicklung geführt, bei der Latein an Österreichs höheren Schulen ganz von selber verschwindet, wenn nichts dagegen unternommen wird: Da sind erstens die Voraussetzungen, die mit dem Schulorganisationsgesetz 1962 (SchOG 62) und diversen Novellen geschaffen worden sind, zweitens der Niedergang des Verständnisses dafür, was Bildung ist und was Bildung wert ist, und drittens der menschlich verständliche, bei Schülern aller Generationen ausgeprägte Wunsch, Schwierigkeiten nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen.

Wer das langsame Verschwinden des Lateinischen aus dem Bildungskanon als Kulturverlust ansieht, den es hintanzuhalten gilt, der kann darauf konsequenterweise nur mit der Forderung reagieren, Latein als nicht abwählbaren Pflichtgegenstand an der AHS beizubehalten bzw. wieder einzuführen. Wahlfreiheit setzt voraus, dass der Wählende weiß, wofür oder wogegen er sich entscheidet. Hinsichtlich Latein kann das nur durch konkretes Kennenlernen in der AHS-Unterstufe (3. und 4. Klasse) geschehen. Erst nach dieser Eingangsphase ist eine fundierte Entscheidung möglich, entweder für die Fortsetzung des Lehrganges oder für eine neue lebende, in aller Regel romanische Fremdsprache, deren Erlernen durch den vorherigen Lateinunterricht begünstigt wird.

Wünschenswertes Nebenergebnis eines solchen Reformschrittes wäre eine Strukturbereinigung im Bereich der Sekundarstufe I: Auf der einen Seite die praxisorientierte und lebensnahe Hauptschule ohne Latein, deren Abgängern entweder über das berufsbildende Schulwesen oder über Oberstufengymnasien die Matura und die Studienberechtigung offen steht, und auf der anderen Seite das Gymnasium mit Latein, in dem von Anfang an auf eine vertiefte Allgemeinbildung hingearbeitet werden kann. Der spröde (und erst 1962 eingeführte) Terminus „Allgemeinbildende Höhere Schule“ (AHS) könnte entfallen.

Das SchOG 1962 und die Folgen

Mit dem SchOG 62 wurde die Dreiteilung Gymnasium (mit achtjährigem verpflichtendem Latein), Realgymnasium (mit sechsjährigem verpflichtendem Latein) und Realschule (mit Französisch anstelle von Latein, mehr Mathematik als in den Gymnasien und verpflichtender Darstellender Geometrie von der 5. bis zur 8. Klasse) ersetzt durch eine neue Struktur, die den Keim des Latein-Verderbens von Anfang an in sich trug:

Im „neuen“ Gymnasium setzte der Lateinunterricht erst in der dritten Klasse ein, und in der fünften Klasse kam wahlweise Griechisch oder eine zweite lebende Fremdsprache dazu. (Dass auch die letztgenannte Neuerung Latein zum Schaden gereichte wird noch zu erläutern sein.) Im „neuen“ Realgymnasium gab es in der Unterstufe überhaupt keinen Lateinunterricht mehr, was dieser AHS-Form mangels einer gleich fordernden Alternative von Anfang an den Ruf eingebracht hat, „leichter“ als das Gymnasium zu sein. (Das, zusammen mit den wortidenten Lehrplänen und dem Wegfall der Aufnahmsprüfung, ließ das neue Realgymnasium rasch zur teilweise übermächtigen Konkurrenz für die Hauptschulen werden. So war die SPÖ ihrem Ziel der Gesamtschule einen großen Schritt näher gekommen.) Die „alte“ Realschule wurde 1962 überhaupt liquidiert bzw. fand sich ansatzweise in einer realgymnasialen Oberstufenform mit Französisch anstelle von Latein und verpflichtender Darstellender Geometrie wieder.

Während eine zweite lebende Fremdsprache vor 1962 praktisch nur in den Realschulen vorgekommen war, deren Absolventen meist technische Studienrichtungen einschlugen, gab es sie nach dem neuen SchUG auch in fast allen gymnasialen Oberstufen und ab 1970 als Maturafach. Daraufhin erlebte das Universitätsstudium vor allem in Französisch, aber auch in Spanisch und Italienisch einen Höhenflug, und mit der entsprechenden Zeitverzögerung drängten die Lehrer mit den betreffenden Fächern in die Allgemeinbildenden Höheren Schulen zurück. Diese einschneidende Veränderung hinsichtlich der Personalresourcen geht seither, zusammen mit der Propagandaoffensive für die „modernen“ lebenden Fremdsprachen voll zu Lasten des „toten“ Latein.

Die anfangs nur wenig gefragte realgymnasiale Oberstufe mit Französisch anstelle von Latein erlebte (durch Aufhebung der aus der Realschultradition übernommenen Verpflichtung zum Besuch der Darstellenden Geometrie) einen großen Aufschwung. Wäre Latein nicht derzeit (noch) Studienvoraussetzung für ein paar wichtige Ausbildungszweige (z.B. Jus, Medizin), dann hätte es in der realgymnasialen Oberstufe wohl schon ausgedient.

Die Gymnasien mit ihrem verpflichtenden Latein ab der dritten Klasse leiden zunehmend unter Schülerschwund, der, abgesehen von der abnehmenden Population und der Konkurrenzsituation zu den „leichteren“ Realgymnasien dadurch verstärkt wird, dass einzelne Realgymnasien seit Einführung der Schulautonomie Unterstufenmodelle anbieten, bei denen eine zweite lebende Fremdsprache, meist Französisch, bereits in der dritten Klasse einsetzt. (Auch das ist nicht zuletzt eine Folge der vorhandenenen Personalresourcen.) Die Gymnasien begegnen dieser neuen „Bedrohung“ zunehmend damit, dass sie in ihren dritten und vierten Klassen über Schulversuche eine Alternativstellung zwischen Latein und einer zweiten lebenden Fremdsprache einführen. Laut Bildungssprecher Amon („Die Presse“ vom 18.12.01) ist solches bereits in 111 der 160 österreichischen Gymnasien gängige Praxis. Mit welchem Ergebnis ist abzusehen, wenn man die Entwicklung in der realgymnasialen Oberstufe zum Maßstab nimmt.

Wer braucht Latein?

Die hier geschilderten Verhältnisse ließen sich mit einem Schlag ändern. Man müsste nur, wie eingangs vorgeschlagen, Latein in alle Formen der AHS-Unterstufe als nicht abwählbaren Pflichtgegenstand implementieren.

Wer das fordert, der muss zwei Fragen positiv beantworten können: Erstens, ob der Bildungswert des Lateinischen eine solche Zwangsmaßnahme zu seiner Rettung rechtfertigt, und zweitens, ob es jedem AHS-reifen Schüler zumutbar ist, Latein zu lernen, sowohl hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades als auch was den in einem nur zweijährigen Einführungskurs zu erwartenden Bildungsgewinn betrifft.

Als Antwort auf Frage 1 möchte ich zunächst ein paar Sätze aus einem Kommentar von Hans Besenböck in der „Presse“ vom 17.12.01 zitieren, wohl wissend, dass jemand, der nicht seinen oder meinen Zugang zum Thema „Bildung“ hat, damit nichts anfangen wird:

„Jetzt kann man natürlich, wie Amon, der Meinung sein, dass die Fähigkeit, eine Excel-Datei anzulegen, der Fähigkeit, einen lateinischen Satz zu verstehen, ohnehin bei weitem vorzuziehen sei. Auf dieser Ebene ist über den Wert des Lateinunterrichts nicht zu verhandeln. Sein Wert liegt (...) nicht auf einer alltagspraktischen Ebene. Der Lateinunterricht vermittelt aber mehr als alltäglich Nützliches - obwohl er auch das tut: Wer gut Latein kann, lernt die lebenden romanischen Sprachen leichter, versteht generell besser, wie Sprachen gebaut sind. Aber der Lateinunterricht vermittelt vor allem eines: Eine europäische Kulturtradition, ein humanistisches und damit auch humanes Weltbild und nicht zuletzt eine sehr gute Vorstellung von sprachlicher Komplexität und Schönheit des Ausdrucks. Das alles kann eine Excel-Datei, bei aller Nützlichkeit, nicht leisten. Sie ist traditionsfrei, wertfrei und ästhetisch bedeutungslos.“

Obwohl mit der Grundtendenz dieser Aussagen einverstanden, erlaube ich mir als nüchterner Mathematiker dazu ein paar Einwendungen, und zwar auch im Hinblick auf Frage 2: Mit Verlaub, aber bei meinen zahlreichen Maturavorsitzen hatte ich nicht oft das Vergnügen, anlässlich der Lateinprüfungen das humanistische Weltbild des Kandidaten oder die Schönheit des Ausdrucks zu bewundern. Auch für die besondere Humanitas der Latein-Gebildeten lassen sich in der Geschichte keine Belege finden. Das sind Argumente, welche der Sache meiner Meinung nach bisher mehr geschadet als genützt haben. Unbestreitbar ist hingegen, dass Latein ein europäisches Kulturgut ersten Ranges und eine hervorragende Schule des Denkens ist, dass Latein hinsichtlich des Verständnisses für Grammatik und das Herkommen von Fremdwörtern wesentlich wertvoller ist als jede lebende Fremdsprache, sodass Latein aus diesem Grund allein schon ein unverzichtbarer Bestandteil einer vertieften Allgemeinbildung ist, und schließlich, dass Latein eine ausgezeichnete Basis für das Erlernen lebender, insbesondere romanischer und slawischer Fremdsprachen darstellt.

Aus dieser meiner Sicht ergibt sich daher auch auf Frage 2 ein klares JA. Kenntnisse über den grammatikalischen Aufbau von Sprache und Fremdwörterverständnis lassen sich auch anhand der hauptsächlichen Ableitungen und ausgewählter Vokabel erwerben. Man muss nicht alle Deklinationen und Konjugationen perfekt beherrschen, wenn es ohnehin nicht primär um das Übersetzen von Originaltexten geht. Und was die Schwierigkeiten betrifft, so möchte ich diese jedem Gymnasiasten herzlich gern zumuten. Wer schon im ersten Jahr scheitert, der hat wohl ohnehin nicht das Zeug für eine erfolgreiche Schulkarriere an einem Gymnasium. Und wenn ein Schüler zu Ende der vierten Klasse in Latein nicht positiv abschließen sollte, so hätte das, wie bisher, keinerlei Auswirkungen bei einem allfälligen Schulwechsel, zum Beispiel an eine BHS.

So glaube ich denn, dass die Idee vom verpflichtenden Latein an der AHS-Unterstufe sogar per se, also ohne Berücksichtigung der Folgewirkung für den ganzen Bereich der Sekundarstufe I, Sinn macht und ohne ideologische Scheuklappen weiterverfolgt werden sollte.


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